Taborkirche Freudenstadt

Wir schreiben das Jahr 1928. Die kleine Kirche St. Peter und Paul ist längst für die Katholiken in Freudenstadt und Umgebung samt seinen Kurgästen zu klein geworden. Man plant also eine größere Kirche. Am 11.August 1928 stellt Stadtpfarrer Eugen King das neue Projekt vor. Bereits einen Tag später erhält der Architekt Otto Linder aus Stuttgart den Auftrag zum Neubau. Als die kirchliche Oberbehörde ihren Segen gab, ein Kirchenbauverein gegründet wurde, dessen Mitgliedschaft Ehrensache war und der Gemeinderat unter Stadtschultheiß Dr. Blaicher einen Betrag von 10.000 Mark bewilligte, stand dem Neubau nichts mehr im Wege.

Die große wirtschaftliche Not der Zeit zwang die Pläne zu ändern: klare, einfache Formen wurden gewählt. Die Achse wurde um 90 Grad gedreht, sie sollte nun längs der Fürstenstraße verlaufen. Der Haupteingang blieb nach wie vor an der Alfredstraße durch eine offene Arkadenhalle. Ein weiterer Eingang sollte an der Fürstenstraße liegen. Die Sitzplatzzahl wurde von 500 auf 600 erweitert. Auf der rechten Seite plante der Architekt fünf Altarnischen, aus denen in der Hauptsache Licht einfallen sollte. Die Rückseite als Wetterseite sollte möglichst geschlossen gehalten werden, und auf der Nordseite sollten die bereits erwähnten Arkaden zum Schutz der Innenwand vorgelagert werden. Der kubische Turm wurde so geplant, dass er sowohl von der Alfred- und Stuttgarter Straße, als auch vom Promenadeplatz und vom Kurhaus gut sichtbar war.

Am 02. Juni 1930 erfolgte der erste Spatenstich und am 03. August 1930 wurde von Generalvikar Dr. Kottmann der Grundstein eingemauert. In den Grundstein wurden zwei Urkunden gelegt, eine vom 17. September 1857 und eine vom 03. August 1930. Die zweite Urkunde enthält die Namen: Papst Pius XI., Bischof von Rottenburg Dr. Johannes Baptista Sproll, Reichspräsident Paul von Hindenburg, Dr. Eugen Bolz württembergischer Staatspräsident.

Am 16. August 1931 wurde die Kirche "Christi Verklärung", im Volksmund "Taborkirche", eingeweiht. Leider hatte die Kirche zu diesem Zeitpunkt noch keine Glocken, die die Gläubigen zum Gottesdienst hätten rufen können. Drei Jahre nach der Weihe erhielt das Gebäude seine vier Glocken, die 1942, also schon acht Jahre später wieder verhüttet wurden.

Im Zweiten Weltkrieg blieb die Taborkirche vom Feuersturm verschont und war Zuflucht verängstigter Frauen. Sie bot der evangelischen Kirchengemeinde Herberge, da die Stadtkirche völlig zerstört war.

40 Jahre nach der Erbauung der Taborkirche wurde 1970 eine größere Renovation notwendig. Architekt Hans Schlichte aus Friedrichshafen wurde damit beauftragt. Eine Verbesserung des Daches war erforderlich, und in dem Zusammenhang wurde eine neue Decke eingebaut. Der Altar wurde von der Rückwand weg in die Nähe des Kirchenschiffes gerückt (II. Vatikanisches Konzil). Die Nebenaltäre auf der rechten Seite wurden entfernt, die Kirche erhielt somit mehr Sitzplätze.

 

Sanierung 2016

Der Gestaltungsansatz griff die grundlegenden gestalterischen Überlegungen von Otto Linder wieder auf. Diese sind im Wesentlichen die klare Längsausrichtung des Hauptraumes zum Altarbild mit seiner seitlichen indirekten Belichtung, sowie die Farbgebung des Innenraums, welcher in seiner ursprünglichen Farbgebung weitestgehend rekonstruiert, bzw. restauriert wurde. Daher war der Entwurfansatz in vieler Hinsicht von Wiederherstellung und Rückbau geprägt. Gleichzeitig wird den zeitgemäßen Ansprüchen an die gelebte Liturgie und den aktuellen Nutzungsanforderungen Rechnung getragen.

Die wesentlichen Maßnahmen hierzu waren unter anderem die Demontage der Decke, wodurch die ursprünglichen Proportionen des Kirchenraums wiederhergestellt wurden. Der bestehende Boden aus den 70gern wurde aus technischen und gestalterischen Gründen wieder ausgebaut und ein zum Farbkonzept passender Bodenbelag, unter dem sich eine neue Fußbodenheizung befindet, eingebaut.

Durch das Reduzieren der Anzahl der Kirchenbänke wurde es möglich, den Altarbereich aus der "Chornische" heraus zu ziehen und den Altar näher zur Gemeinde zu rücken. Die ursprünglich seitlich auskragenden Stufen - "Ohren" wurden weggenommen und die Gesamtbreite der Anlage auf die erforderliche Mindestbreite reduziert. Hierdurch wurden großzügige seitliche Raumbereiche geschaffen, die die Zugänge zur Werktagskapelle und Gnadenkapelle bilden. Die Höhenverhältnisse der Altartreppenanlage wurden aus statischen Gründen weitgehend beibehalten, jedoch wurde der Aufgang über vier Stufen "sanfter" gestaltet durch Stufenversprünge und unterschiedliche Stufenhöhen und -längen.

Altar und Ambo stehen nun auf einem großzügigen Podest auf welchem auch die Sedilien ihren Platz finden. Das Podest ist nun gleichermaßen geeignet für die Liturgie und für die Nutzung der Kirchenmusik/Chor. Die Sicht zum Altarbild ist wieder frei und der Tabernakel befindet sich nun auf einem halbrunden Podest vor dem Altarbild, auf dem ursprünglich der Hochaltar stand. Damit sind die Proportionen des Altarbildes (das ursprünglich im unteren Bereich hinter dem Hochaltar nicht sichtbar war) wiederhergestellt.

Die Werktagskapelle kann nun zum Hauptschiff hin geschlossen werden und bietet dadurch einen introvertierten Raum für den Werktagsgottesdienst, für Meditation oder auch für ein Beichtgespräch und kleinen Familienfeiern. Die ursprünglich schmucklose Eingangsöffnung erhielt ein dreiteiliges Türelement, das komplett vor die linke Kapellenwand verschoben werden kann. Das linke Element wurde als Drehtür ausgebildet. Die Oberflächen der Türelemente wurden künstlerisch gestaltet und wirken in der geschlossenen als auch in der zur Seite geschobenen Variante wie großflächige Bilder. Das Mobiliar ist flexibel gestaltet damit die Anordnung der Stühle je nach Nutzung beliebig verändert werden (Kreis, Halbkreis) kann. Ein etwas in den Raum gerückter Altartisch bildet die moderne Antwort auf die ursprüngliche Altarwand Otto Linders. Eine indirekte Beleuchtung, die dimmbar ist, beleuchtet dezent die Decken- und Wandbereiche und unterstreicht so die Introvertiertheit des Raumes.

Das Taufbecken wurde vor der Kapelle positioniert und kann so einfach auch von der Werktagskapelle erreicht werden. Die goldene Maria, die Kreuzigungsgruppe, sowie das Taufbecken erhielten durch eine vorgestellte Wandkonstruktion eine Art Passepartout, wodurch die Figuren auf den Wandflächen optisch gefasst und aufgewertet werden. Bewusst wurde gegen einen abgeteilten Kinderbereich (z.B. in Glas) entschieden und der Kindernische im südlichen Seitenschiff Vorzug gegeben. So wird der Kirchenraum optisch nicht gestört, die Kinder können den Gottesdienst auf diese Weise miterleben und haben die Möglichkeit mit den Eltern in Kontakt zu bleiben.

Die funktionalen Einbauten unter der Empore wurden teilweise in die Windfänge verlegt, erscheinen nun in einem einheitlichen Erscheinungsbild und stören den Kirchenraum nicht.

Für die neu hinzugekommenen Einbauten und Möbel wurden bewusst zurückhaltende Materialien (Ahorn-natur, Schwarzstahl) und dezente Farbtöne gewählt. Diese unterstützen in ihrer Erscheinung die Wirkung des ursprünglichen Farbkonzepts Otto Linders. Für die künstlerische Ausstattung (Altar, Ambo, Tabernakel) war der Künstler Gerhard Nerowski beauftragt.

Auszug aus "aktuell Sonderausgabe zur Altarweihe am 26. Juni 2016 / Text: Andreas Spaett, Dipl. Ing. (FH) Architekt

 

Wiedereröffnung der Taborkirche mit Altarweihe am 26. Juni 2016

Nach einjähriger Renovierungszeit war es am 26. Juni 2016 endlich soweit: Bischof Dr. Gebhard Fürst zog um 10:00 Uhr in einem feierlichen Gottesdienst in die Kirche ein und weihte den neuen Altar. Die Taborgemeinde hatte ihren Mittelpunkt wieder.

Nach dem Festgottesdienst gab es ein Gemeindefest auf dem Gemeindeplätzle zwischen Kirche und Pfarrhaus. Es wurden Kirchenführungen angeboten und ein Konzert rundete das besondere Ereignis ab.