Mit den Heiligen leben

Hl. Mutter Theresa von Kalkutta

Agnes (Anjezë) Gonxhe Bojaxhiu wurde am 27. August 1910 als Tochter eines albanischen Bauunternehmers im damaligen Üsküp, dem heutigen Skopje, heute zu Nordmazedonien, damals zum Osmanischen Reich gehörend, geboren. Die Familie war sehr fromm und Gonxhe wurde zur Schulausbildung an eine katholische Schule nach Shkodra in Nordalbanien geschickt.

Ihre Mutter Dranafile Bojaxhiu wird in Biografien als prägendes Vorbild der Nächstenliebe und Frömmigkeit beschrieben; sie organisierte Hilfen für Bedürftige im Viertel und bezog ihre Kinder in karitative Werke ein. Diese familiäre Praxis ist wichtiger Hintergrund für Agnes’ Berufungsweg.

Am Tag ihrer ersten Heiligen Kommunion wurde ihr bereits eine außerordentliche Gnade zuteil. Sie schreibt später:

„Ab dem Alter von fünfeinhalb Jahren – als ich Ihn (Jesus) zum ersten Mal empfing – brannte die Liebe für die Seelen in mir – sie wuchs mit den Jahren – bis ich nach Indien kam – mit der Hoffnung, viele Seelen zu retten.“ (Hier zeigt sich eine deutliche Parallele zu ihrer späteren Namenspatronin in ihrem Ordensnamen, der Hl. Therese von Lisieux!) (Die Zitate in Anführungszeichen sind dem Buch „Mutter Teresa, Komm sei mein Licht“ von Father Brian Kolodiejchuk entnommen; Kolodiejchuck lernte 1977 als junger Theologiestudent Mutter Teresa kennen und blieb zeitlebens ein enger Vertrauter von ihr; 1979 gründete er zusammen mit Mutter Teresa den kontemplativen Bruder-Zweig des Ordens, der 1984 in einen Priester-Zweig überging. Nach ihrem Tod war er Postulator im Heiligsprechungsprozess von Mutter Teresa.)

Als sie acht Jahre alt war starb ihr Vater überraschend, worauf sie intensivere Zuflucht zum Glauben nahm. Der frühe Wunsch, „Missionarin“ zu werden, ist in Aussagen aus ihrem Umfeld und in späteren Rückblicken dokumentiert; als entscheidendes Alter wird oft das 12. Lebensjahr genannt, an dem sie die Berufung verspürte, „für Christus“ zu leben.

Am 26. September 1928, mit 18 Jahren, setzte sie ihren lang ersehnten Wunsch in die Tat um und reiste nach Irland, um dem Orden „Institut der Seligen Jungfrau Maria“ (den Loreto-Schwestern, die in der Tradition der von Maria Ward gegründeten „Englischen Fräulein“ stehen) beizutreten, einer Frauenkongregation, die sich vor allem der Ausbildung und Erziehung von Jugendlichen in Bengalen/Indien widmet. „Ein solches Unternehmen erforderte Mut und außerordentlichen Glauben, denn sie und ihre Familie wussten sehr wohl, dass Missionare in jenen Tagen nie mehr zurückkehren würden, wenn sie einmal in die Mission gingen.“

Die folgenden Abschiedsworte der Mutter prägten sich in das Herz der achtzehnjährigen ein:

„Leg deine Hand in Seine (Jesu) Hand, und geh allein mit Ihm. Geh vorwärts, denn wenn du zurückschaust, wirst du zurückgehen.“

Ihr Ordensname war Marie Teresa vom Kinde Jesu. Nach wenigen Monaten Ausbildung im Mutterhaus in Dublin, wo sie auch Englisch lernte, fuhr sie in einer fünfwöchigen Schiffsreise nach Indien und erreichte am 6. Januar 1929 Kalkutta, um nach Darjeeling zum zweijährigen Noviziat weiter zu fahren.

Nach ihrer ersten Profess am 24. Mai 1931 wurde sie nach Kalkutta zurückgesandt, wo sie im St. Mary‘s Bengali Medium, einer Schule für Mädchen, u. a. Geographie und Katechese unterrichtete, und früh zusätzliche Stunden für besonders benachteiligte Schülerinnen einrichtete.

Am 24. Mai 1937 legte sie ihre ewigen Gelübde ab. Die Aufgabe als Schulleiterin erfüllte sie mit großer Hingabe und großem Elan bis 1948. Bereits in dieser Zeit besuchte sie sonntags die Armen in den Slums. Ihr zukünftiges Apostolat war schon sichtbar.

In einem Brief, den sie an eine katholische Zeitschrift ihrer Heimat sandte, beschrieb sie, wie diese Mission des Dienens, mit all ihren Härten, eine Quelle echter Freude für sie war, denn dadurch hatte sie Gelegenheit, Jesus nachzuahmen und mit Ihm vereint zu leben:

„Die Hitze in Indien ist einfach glühend heiß. Wenn ich herumgehe, kommt es mir vor, als hätte ich Feuer unter meinen Füßen, das sogar meinen ganzen Körper versengt. Wenn es am schlimmsten ist, dann tröste ich mich mit dem Gedanken, dass auf diese Weise ja Seelen gerettet werden und dass der geliebte Jesus noch viel mehr für sie gelitten hat …. Das Leben einer Missionarin ist nicht mit Rosen gestreut, sondern tatsächlich eher mit Dornen; doch alles in allem ist es ein Leben erfüllt mit Freude und Glück, wenn sie daran denkt, dass sie die gleiche Arbeit verrichtet wie Jesus, als Er auf Erden war, und dass sie dem Gebot Jesu nachkommt: Gehet hin und lehret alle Völker.“

„Jeden Sonntag besuche ich die Armen in den Slums von Kalkutta. Ich kann ihnen nicht helfen, weil ich ja gar nichts besitze, aber ich gehe zu ihnen, um ihnen Freude zu schenken. Beim letzten Mal waren es ungefähr zwanzig Kinder, die ihre ‚Ma‘ bereits ungeduldig erwarteten. Als sie mich sahen, strömten sie mir schon in Strömen entgegen. Ich trat ein, in dieser ‚Para‘ – so nennt man eine Häusergruppe dort –  lebten zwölf Familien. Jede Familie hat nur einen Raum, zwei Meter lang und anderthalb Meter breit. Die Tür ist so schmal, dass ich kaum eintreten konnte …. Jetzt wundere ich mich gar nicht mehr, dass meine armen Kleinen ihre Schule so lieben, und dass so viele von ihnen an Tuberkulose leiden. Die arme Mutter, äußerte kein einziges Wort der Klage über ihre Armut. Es war sehr schmerzlich für mich, doch gleichzeitig war ich auch sehr glücklich, weil ich sie besuchte. Am Schluss sagte die Mutter zu mir: ‚Oh, Ma, komm bald wieder! Dein Lächeln brachte Sonnenschein in dieses Haus!‘

Ihren Freunden in Skopje erzählte sie vom Gebet, das sie auf dem Heimweg in den Konvent in ihrem Herzen flüsterte: ‚O, Gott, wie leicht ist es sie glücklich zu machen! Gib mir die Kraft, immer das Licht ihres Lebens zu sein und sie zu Dir zu führen!‘“

In den ersten Jahren des Zweiten Weltkrieges war die Ordensschule noch relativ geschützt, aber mit der Ausweitung des „Pazifischen Krieges“, vor allem mit dem japanischen Feldzug gegen Burma, der Kornkammer Indiens, von Dezember 1941 bis Juli 1945 nahm die Armut der indischen Bevölkerung immer mehr zu. Bengalen litt unter wiederkehrenden Krisen (u. a. Hungersnot 1943); Kalkutta verzeichnete in dieser Zeit eine massive Binnenmigration, was die Slums erheblich anwachsen ließ. Mutter Teresa konnte die Verköstigung der ihr anvertrauten Mädchen nur schwer aufrechterhalten und in der Stadt nahm das Elend der untersten Kaste, der Unberührbaren, zu. Immer mehr Menschen lebten auf der Straße und starben auch dort.

Am 10. September 1946, als sie zu Exerzitien im Zug nach Darjeeling unterwegs war, hörte sie die Stimme Jesu, der zu ihr sagte: „Komm, sei mein Licht. Ich kann nicht allein gehen. Sie wissen nichts von mir, also bringe du sie zu mir. Bring sie zu mir.“ Jesus forderte sie auf, in die Slums von Kalkutta zu gehen, mit den Ärmsten der Armen zu leben und ihnen, den Straßenkindern, Bettlern, Kranken und Sterbenden sein Licht zu bringen. „Geh hinaus – bringe mich in die Löcher der Armen. Ich will Schwestern, die mein Feuer in den Herzen der Armen entzünden.“  Ab jenem Tag hörte Mutter Teresa Jesus direkt zu sich sprechen und sie konnte mit ihm Dialoge führen. Diese Lokutionen hielten ein halbes Jahr lang an.

Mit diesem Auftrag Jesu trat sie zunächst an ihren geistlichen Begleiter, Pater Celeste Van Exem heran. Als dieser von der Echtheit ihres Rufes überzeugt war, erteilte er ihr die Erlaubnis, auch an den zuständigen Bischof, Erzbischof Ferdinand Périer von Kalkutta, heranzutreten. In vielen Gesprächen und Briefen bat sie um Erlaubnis, das tun zu dürfen, was ER, Jesus, von ihr verlangte. Denn das bedeutete auch, dass sie mit kirchlicher Erlaubnis von ihren religiösen Gelübden als Ordensschwester entbunden würde, da die Statuten ihrer Kongregation es nicht zuließen, dass sie ein Leben in totaler Armut in den Slums führte. Die Briefe an P. Van Exem und Erzbischof Périer dokumentieren diesen „call within a call“ („Berufung in der Berufung“) und enthalten wörtliche Passagen („Come, be My light…“ „Komm, sei mein Licht“).

„Nach reiflicher Überlegung und vielem Beten“ fühlte der Erzbischof nach einem knappen Jahr sich bereit, Mutter Teresa am 6. Januar 1948 die Erlaubnis für ihr besonderes Apostolat und das Verlassens ihres Ordens zu erlauben, um in den Straßen von Kalkutta die Liebe Christi den Ärmsten weiterzugeben. So hielt sie am 08. August 1948 die schriftliche Erlaubnis von Papst Pius XII in den Händen, außerhalb des Ordnens zu leben.  Da ihr klar war, dass ihr Grundkenntnisse der Krankenpflege mangelten, absolvierte sie eine Grundausbildung zur Krankenpflege am Holy Family Hospital in Patna.

Bereits in dieser Zeit nahm sie den weiß-blauen Sari an, der später zum Charakteristikum der Missionaries of Charity wurde (drei blaue Streifen; einfache Baumwolle), um äußerlich die Armut und Nähe zu den Armen zu signalisieren. Und so wurde sie Teil der Armen selbst.

Unter einfachsten Bedingungen ging Mutter Teresa an die Arbeit die Not der Menschen, mit denen sie im Slum lebte zu lindern und vor allem den Sterbenden sprach sie Trost zu. „Wir leben, dass sie sterben können, dass sie heimgehen können, wie es für sie geschrieben steht, seien sie nun Hindus, Moslems, Buddhisten, Christen oder welchen Glaubens auch immer“, sagte Mutter Teresa dazu.

Am 7. Oktober 1950, am Tag des Rosenkranzfestes, gründete sie mit Erlaubnis von Papst Pius XII. unter dem Patronat des „Unbefleckten Herzens der Seligen Jungfrau Maria“ den Orden der „Missionaries of Charity“, zu deutsch „Missionarinnen der Nächstenliebe“, mit zwölf Mitschwestern. (Father Brian Kolodiejchuck schreibt, dass Mutter Teresa die Nächstenliebe (lat. Caritas) ganz gespeist von der Gottesliebe zu uns Menschen erfahren hatte. Somit enthielt für sie das Wort „Charity“, Nächstenliebe auch die auch die Liebe Gottes zu uns Menschen.

Die Missionarinnen der Nächstenliebe folgen den evangelischen Räten von Armut, Keuschheit und Gehorsam. Mutter Teresa hat diesen drei ein viertes Gelübde hinzugefügt: die Liebe zu den Armen („wholehearted free service to the poorest of the poor“, zu deutsch: „hingebungsvoller, unentgeltlicher Dienst an den Ärmsten der Armen“.)

1952 eröffnete Mutter Teresa mit Hilfe von Spenden das erste Sterbehospitz (Nirmal Hriday, Reines Herz) für obdachlosen Sterbende in Kalkutta- Kalighat, nahe einem bedeutenden hinduistischen Tempel. Das Kinderheim Shishu Bhavan (ab 1955) wurde zum Zentrum für Findel- und Waisenkinder, vor allem für Mädchen, die für einen großen Teil der Bevölkerung als wertlose Familienmitglieder galten. Parallel entstand die Leprakolonie „Shanti-Nagar“ (Stadt des Friedens), in denen Kranke medizinische Basisversorgung und Arbeit und somit Lebensunterhalt fanden.

Bereits 1963 gründete Ian Travers-Ballan, später Brother Andrew mit Mutter Teresa in Australien einen Brüder-Zweig des Ordens („Missionary Brothers of Charity“). 1984 folgte (mit Father Sebastian Vazhakala und Father Brian Kolodiejchuck) die Gründung der Missionaries of Charity Fathers, der kontemplative Priester-Zweig. Zusätzlich bildeten sich kontemplative Zweige sowohl für Schwestern als auch für Brüder.  Die Arbeit der Mutter Teresa wurde mit einer raschen weltweiten Verbreitung gesegnet. 

In Wikipedia ist zu lesen: „Sie begann als kleine Gemeinschaft mit 12 Mitgliedern in Kalkutta und zählte 2023 5.750 Mitglieder, die in 139 Ländern in 760 Heimen dienten, davon 244 in Indien. Die Schwestern betreiben Waisenhäuser, Heime für AIDS-Kranke, Wohltätigkeitszentren auf der ganzen Welt und kümmern sich um Flüchtlinge, Blinde, Behinderte, Alte, Alkoholiker, Arme, Obdachlose und auch Opfer von Naturkatastrophen, Epidemien und Hungersnöten in Asien, Afrika, Lateinamerika, Nordamerika, Europa und Australien. Allein in Kalkutta betreibt sie 19 Häuser, darunter Heime für Frauen, Waisenkinder und Sterbende, eine Schule für Straßenkinder und eine Leprakolonie.“

Eine BBC Dokumentation des britischen Journalisten Malcom Muggeridge über  Mutter Teresa 1969 und schließlich das biographische Buch dazu „Something beautiful for God“ (Etwas sehr Schönes für Gott) aus dem Jahre 1971 machte Mutter Teresa schließlich zu einer weltweiten Berühmtheit; sie erhielt Preise (u.v.a. 1979 den Friedensnobelpreis und 1985 die Freiheitsmedallie durch den damaligen Präsidenten Ronald Reagan, die höchste zivile Auszeichnung der USA) und wurde weltweit unterstützt – eine ihrer berühmtesten Unterstützerinnen war die britische Kronprinzessin Lady Diana.

Immer wieder betonte Mutter Teresa in Reden und Interviews die Würde jedes Menschen und den Primat der Liebe im Kleinen; der häufig zitierte Satz „Peace begins with a smile“ (Frieden beginnt mit einem Lächeln) wurde im Kontext ihrer öffentlichen Ansprachen weltweit verbreitet.

Schon 1964 besuchte Papst Paul VI. Mutter Teresa während seiner Reise nach Indien und würdigte ihre Arbeit mit den Armen. Papst Johannes Paul II. war ein enger Freund von ihr und besuchte sie ebenfalls mehrmals in Kalkutta. 

Kritiker warfen Mutter Teresa in ihren Einrichtungen mangelnde medizinische Standards vor; ihr Orden würde sich nicht entschieden genug um Heilung bemühen. Sie sagte dazu: „Wir sind kein Krankenhaus, sondern ein spiritueller Orden.“ In zahlreichen Gelegenheiten präzisierte sie das Selbstverständnis: „We are not social workers; we are contemplatives in the heart of the world.“ (Wir sind keine Sozialarbeiter; wir sind Kontemplative im Herzen der Welt.) Damit erklärte sie, dass die geistliche Motivation Ursprung und Maßstab des Dienstes sei.

1990 zwangen Mutter Teresa gesundheitliche Gründe ihr Arbeitspensum zu reduzieren und am 5. September 1997 starb sie im Kreise der von ihr versorgten Ärmsten.

Papst Johannes Paul II. sprach Mutter Teresa 2003 selig. 2016 sprach Papst Franziskus Mutter Teresa heilig. 

2007 erschien das Buch von Father Brian Koloddiejchuk „Mutter Teresa: Komm sei mein Licht“ - die deutsche Ausgabe erschien zeitgleich mit dem englischen Original „Come be My light“. Hier wurden Briefe und Hefte von Mutter Teresa veröffentlicht, in denen zu Tage trat, dass sie ab ca. 1949/50 bis zu ihrem Tod lange Zeiten in einer Art „Dunkelheit“, wie sie es nannte lebte. Es waren Zeiten von „innerem Leiden, von Fehlen spürbaren Trostes, spiritueller Trockenheit, einer scheinbaren Abwesenheit Gottes in ihrem Leben und, zugleich bedeuteten diese Zeiten, eine schmerzvolle Sehnsucht nach Ihm.“ In Briefen sind Sätze zu lesen wie „In meiner Seele herrscht eine so schmerzliche Dunkelheit … Gott scheint mich zu wollen, und doch sehe ich ihn nicht, höre ich ihn nicht.“ oder „Der Himmel scheint leer. Ich sehne mich nach Gott, doch er ist nicht da.“ Insgesamt dokumentieren die Texte neben den Phasen innerer Trockenheit über Jahrzehnte, zugleich aber die große Treue zu Gebet, Eucharistie und täglichem Dienst.

Für Mutter Teresa war diese Dunkelheit nicht sinnlos, sondern sie verstand sie als geistliche Vereinigung mit dem Verlassenheitsruf Jesu am Kreuz („Mich dürstet“). Sie erlebte, dass Christus in seiner Gottverlassenheit am Kreuz dasselbe litt – und sie durfte in mystischer Weise daran teilhaben. Ihr inneres Leiden war so Opfer und Teilhabe am Kreuz Christi, das sie für die Armen darbrachte.

Man kann sagen, dass Mutter Teresas Mystik stets um Christus kreiste – vor allem den gekreuzigten und verlassenen Christus. Ihre Mystik war zu tiefst eucharistisch - sie fand Kraft in der täglichen Messe, vor dem  Tabernakel und in der eucharistischen Anbetung – und sie war marianisch geprägt: Sie sah Maria als jene, die ihr hilft, „Ja“ zu sagen wie sie. Ihren Mitschwestern sagte sie: „Haltet euch am Rosenkranz fest wie Efeu am Baum – ohne Unsere Liebe Frau können wir nicht stehen. Und letzten Endes war ihre Mystik eine pragmatisch-konkrete in praktizierter Nächstenliebe.

Vor Veröffentlichung ihrer Briefe durch Kolodiejchuk (2007) dachte die Welt: Mutter Teresa sei eine Frau von großer innerer Gottesnähe und Sicherheit, denn „ihr fröhliches Wesen beeindruckte ihre ganze Umgebung.“ „Unserem Herrn alles mit einem freudigen Lächeln geben“, ist ein Satz von ihr aus einem Brief an Erzbischof Périer.  Erst nach 2007 wurde klar: Ihr Werk stand auf einem mystischen Fundament von Visionen und einer jahrzehntelangen „Dunkelheit“, die sie verborgen trug. Kolodiejchuk nennt sie deshalb eine Mystikerin der Dunkelheit – „ihre Heiligkeit bestand darin, dass sie trotz des fehlenden Trostes radikal glaubte und liebte“.

 

Mutter Teresa (in A Gift for God, 1975):

Wir sind aufgerufen uns dafür zu entscheiden, zu lieben und geliebt zu werden

Wir alle sind in der Lage, Gutes und Böses zu tun. Wir werden nicht schlecht geboren: Jeder hat etwas Gutes in sich. Die einen verbergen es, die anderen vernachlässigen es, aber das Gute ist da. Gott hat uns geschaffen, damit wir lieben und geliebt werden; er prüft uns, indem er uns die Wahl lässt, den einen oder den anderen Weg einzuschlagen. Nachlässigkeit in der Liebe kann dazu führen, dass wir „ja“ zum Bösen sagen – und wir haben keine Ahnung, wohin uns das führen kann. [...] Glücklicherweise erlangen wir durch das Gebet die Kraft, Versuchungen zu überwinden. Wenn wir uns Gott zuwenden, verbreiten wir Freude und Liebe unter den Menschen die uns umgeben. Wenn dagegen das Böse von einem Menschen Besitz ergreift, kann dieser Mensch auch das Böse um sich herum verbreiten. Wenn wir mit solchen Menschen in Kontakt stehen, müssen wir alles tun, um ihnen zu helfen und ihnen zu zeigen, dass sie Gott viel bedeuten. Lasst uns intensiv darum beten, dass sie das Gebet wiederentdecken, dass sie Gott wieder in sich selbst und dann auch in anderen wahrnehmen. [...] Wir wurden alle von derselben liebenden Hand erschaffen. Die Liebe Christi ist immer stärker als das Böse in der Welt. Wir müssen also lieben und geliebt werden. So einfach ist das. Und es dürfte nicht allzu schwer sein, dies zu erreichen.

 

Text: Dr. Matthias Geis im August 2025

Hl. Pfarrer von Ars

Der Hl. Pfarrer von Ars wurde als Jean-Marie Vianney, zu deutsch Johannes-Maria Vianney, am 8. Mai 1786 in dem kleinen Weiler Dardilly im Lyoner Bergland geboren (später fügte er seinem Namen Baptiste, zu deutsch Täufer hinzu und nannte sich Jean-Baptiste Marie Vianney um zu zeigen, dass er Johannes den Täufer als seinen Namenspatron ansah). 

Seine Eltern waren einfache, sehr gläubige Bauern. Bereits mit drei und vier Jahren besuchte er mit seiner Mutter täglich in der Frühe die Heilige Messe. „In der Familienbank kniete er dicht neben seiner Mutter, welche ihm jede Bewegung und Handlung des Priesters erklärte. Schnell fand das Kind Gefallen an den kirchlichen Zeremonien. …. Von Zeit zu Zeit wandte er sich seiner Mutter zu. Und hier lernte er beten, einzig durch den Blick auf ihr gesammeltes Gesicht, das von einer inneren Flamme wie verklärt leuchtete.“  (Alle Zitate in Anführungszeichen sind der Biographie „Der Pfarrer von Ars“ von Prälat Francis Trochu aus dem Jahre 1926 entnommen; Trochu stützte seine Heiligenbiographie auf die Dokumente des Selig- und Heiligsprechungsprozesses der Jahre 1862 bis 1886;die Zitate machen das ganze Wesen des Hl. Pfarrers sehr lebendig.)

1789 begann die Französische Revolution und in der Folge kam es zur Verfolgung der Kirche. Ab Januar 1791 konnten auch im Lyoner Bezirk nur noch solche Pfarrer ihr Amt ausüben, die gemäß der Zivilkonstitution der revolutionären Nationalversammlung in Paris einen Eid auf die französische Verfassung geschworen hatten. Die „wirklich frommen Familien ließen sich beim öffentlichen Gottesdienst nicht mehr sehen“, denn sie hörten in den Predigten der jetzt offiziellen Kirche nur von „Bürgern, Bürgertugenden, Konstitution“; der wahre Glaube jedoch wurde nicht mehr verkündet. Viele Geistliche, die nicht den Eid auf die Verfassung geschworen hatten, feierten die HL. Messe in Privathäusern oft nächtens, zum Beispiel in Wohnstuben, deren Fenster mit Decken verhängt wurde, wofür sie Verhaftung und gar Hinrichtung befürchten mussten. Auch die Familie Vianney ging mit ihrem religiösen Leben in den Untergrund, versteckten auch auf ihrem Hof Priester, die nicht den Treueeid auf die Zivilkonstitution der Revolutionäre geleistet hatten und feierten Messen mit ihnen. „Johannes-Maria war hochbeglückt, zu diesen Festen mitzugehen.“

Mit elf Jahren gab es für Johannes-Maria erstmals Gelegenheit zur Hl. Beichte und mit dreizehn Jahren durfte er – am Ende der Schreckenszeit – zum ersten Mal die erste Hl. Kommunion empfangen. „Ich bin dabei gewesen“, erzählte Margarete Vianney, seine Schwester „mein Bruder war so glücklich, dass er das Zimmer, wo ihm das Glück der Hl. Kommunion zum ersten Mal zuteil geworden war, gar nicht mehr verlassen wollte.“„Er erlebte zweifellos schon im Voraus jene Worte, die eines Tages ganz heiß von seinen Priesterlippen fallen sollten: Wenn man kommuniziert, fühlt man etwas ganz Außerordentliches … eine Beglücktheit … einen Balsam … ein Wohlbehagen, das den ganzen Körper durchströmt … und ihn erbeben lässt.“

Johannes-Maria war seit Kindheit fest in die bäuerliche Arbeit des elterlichen Hofes eingespannt. Welch großen Nutzen er daraus zog beschreibt Trochu: „Unscheinbare Arbeiten, die aber klein oder groß werden, je nach der Meinung, die sie beseelt. Für Johannes-Maria wurden sie groß, weil er sie Gott aufopferte, großherzig und ununterbrochen. Später erlauschen wir von ihm das Geheimnis seines Innenlebens, das er als junger Bursche geführt hat. In einer seiner Christenlehre, später als Pfarrer von Ars, erklärt er: ‚Man muss Gott seine Arbeit, seine Schritte, seine Ruhe aufopfern. Oh, wie schön ist es, alles für den lieben Gott zu tun! Wohlan meine Seele, wenn du mit Gott arbeitest, arbeitest du, aber ER wird deine Arbeit segnen; du gehst, ER aber segnet deine Schritte.  … Es gibt Menschen, die aus allem Nutzen ziehen, selbst aus dem Winter. Ist es kalt, opfern sie Gott ihre kleinen Beschwerden auf. Oh, wie ist es schön, sich Gott jeden Morgen zum Opfer darbringen zu können!‘“ Von Kindheit an hatte er sich bei der Feldarbeit angewöhnt, „die Stunde zu segnen“; „beim Stundenschlag verrichtete er die fromme Anrufung:

‚Gott sei gepriesen! Mut, meine Seele!  
Die Zeit vergeht, die Ewigkeit kommt.
Wir wollen leben, wie wir einst sterben sollen     
Gepriesen sei die heilige und unbefleckte Empfängnis der
allerseligsten Jungfrau und Mutter Gottes Maria!‘“ 

Auch durch die Wirren der Revolution bedingt, hatte Johannes-Maria nur eine mangelhafte Schulbildung genossen. Dennoch „hörte er in den Tiefen seiner Seele das „Folge mir“ ertönen, den Ruf, der an den Gestaden des Sees Genesaret Petrus, Andreas, Jakobus und Johannes in die Nachfolge Jesu lockte. Johannes-Maria wollte Priester werden!“  Mit ungefähr siebzehn Jahren, also 1803 offenbarte er seinen Wunsch den Eltern. Bis 1805 aber dauerte es, bis auch der Vater einwilligte und er die Pfarrschule von Pfarrer Balley in Écully bei Lyon besuchen durfte. Seine Mitschüler waren alle jünger und er lernte nur sehr schwer.

1809 wurde er zum Militärdienst eingezogen und er musste die Schule verlassen. Ohne es wirklich zu wollen wurde er Deserteur und versteckte sich als ‚Jérôme Vincent‘ in einem kleinen Weiler namens Les Noës, in den Bergen bei Roanne, wo er als Dorfschullehrer arbeitete.

1811 gab es eine Amnestie für Fahnenflüchtige und er konnte ins Priesterseminar in Verrières-en-Forez eintreten. Wiederrum musste er wegen seiner mangelnden Bildung viele Demütigungen und Rückschläge einstecken. Doch wie auch später wuchs er und sein Glaube. Seine unermessliche Liebe zu Christus erstarkten gerade in den schwierigen Zeiten. Es waren also nicht intellektuelle Fähigkeiten, sondern eine mächtige Geisteskraft ganz anderer Art, die ihn zu dem werden ließ, der er schließlich geworden ist. Als später ein Priester zu einem Bischof sagte, der Pfarrer von Ars gelte als "reichlich ungebildet", antwortete der Bischof: "Ob er ungebildet ist oder nicht, weiß ich nicht, aber ich weiß, dass der Heilige Geist Wert darauf legt, ihn zu erleuchten."

Nach langem, steinigem Weg wurde er schließlich am 13. August 1815 in Lyon zum Priester geweiht, „aber unter der Einschränkung, dass der Neupriester wegen seiner mangelnden Lateinkenntnisse erst später nach dem Gutdünken seines kirchlichen Obern die Vollmacht erhalte, von Sünden loszusprechen.“  Doch der spätere Heilige sollte zukünftig  fast die Hälfte seines Lebens im Beichtstuhl zubringen!

Nach seiner Vikarszeit bekam er 1818 eine kleine Gemeinde 35 Kilometer nördlich von Lyon zugewiesen, Ars-sur-Formant. Als er sich zu Fuß dem Ort näherte, war es schon dunkel und er fand den Weg nicht mehr. Ein Junge aus Ars zeigt ihm alsdann den Weg. Als sie dort ankamen sagte er zu dem Jungen: „Du hast mir den Weg nach Ars gezeigt, ich werde dir den Weg zum Himmel zeigen!“ Und wie sehr sollte sich das bewahrheiten. Unzähligen Seelen seiner Gemeinde und des ganzen Landstrichs wies er in den Jahren seines priesterlichen Wirkens den Weg zu Christus.

Über die Gemeinde in Ars nach den Wirren der Revolution schreibt Francis Trochu: „Praktisches Heidentum hatte die Seelen durchsetzt, hatte bei der Mehrzahl dieser Dörfler den Glauben geschwächt, aber nicht völlig ausgerottet.“ „Das Bedauerlichste an dieser Pfarrei war im Grunde das völlige Aufhören aller religösen Übungen.“ „Ohne die geringste Notwendigkeit arbeitete man am Sonntag … . Männer, Burschen, selbst Kinder hatten sich grobes Fluchen angewöhnt. Vier Kneipen nannte Ars sein eigen, in denen die Familienväter ihr Gut verprassten. Die Mädchen waren leidenschaftlich dem Laster des Tanzens verfallen. Die Zusammenkünfte in den Spinnstuben dauerten bis tief in die Nacht hinein und waren Quellen schwerer Sünden. Mit diesen Missständen ging eine tiefe Unwissenheit Hand in Hand. Die Kinder kamen nur selten und unregelmäßig in die Christenlehre.“ Und natürlich war die Schulbildung mangelhaft.

Der Pfarrer von Ars widmete sich mit all seiner Kraft dem Neuaufbau seiner Gemeinde. Er war fest entschlossen, sein Dorf zu Gott zurückzuführen, einerseits durch Ermahnung, andererseits durch Buße – die er selbst tat! Er verschenkte bis auf Weniges die Einrichtung des Pfarrhauses, schlief auf einem Brett und fastete. „Bereits vor der täglichen Hl. Messe marschierte der ‚gute Soldat Christi‘ längst vor dem ersten Morgengrauen auf seinen Gebetsposten in die kleine Kirche, schritt geradeaus auf den Tabernakel zu und warf sich dort in die Knie. Hier schüttete er seines Herzens heilige Sehnsucht und Leidenschaft aus. In diesem ungestörten Schweigen der Nacht flehte er mit lauter Stimme zum Herrn, er möge doch Mitleid haben mit Herde und Hirte. ‚Mein Gott‘ hielt er an, ‚gewähre mir doch die Bekehrung meiner Pfarrei. Ich bin bereit, alles, was du über mich verhängen willst, bis zum Ende meines Lebens zu dulden. … Ja, hundert Jahre lang die wildesten Schmerzen, wenn sie nur zu dir zurückfinden.‘“ Hier wird deutlich, wie sehr Gebet und Buße die Quelle seiner Arbeit im Weinberg des Herrn war.

Und so ging er also hin, nahm Fühlung mit seinen Pfarrkindern auf, sicherte sich die Mithilfe derer, die schon bereit waren, besserte sie noch; er führte die Gleichgültigen zurück und bekehrte die Sünder. In seinen täglichen Christenlehren unterwies er anfangs Kinder – später kamen die Menschen jeglichen Alters in Scharen, um ihn zu hören.

Seine Predigten bestanden weniger aus klugen Ideen; vielmehr wurden sie aus seiner tiefen Frömmigkeit und seiner Menschenliebe gespeist. Oft prangerte er beim Predigen aber unumwunden Missstände an. Er sagte der Sonntagsarbeit, den Kneipen, dem Fluchen und dem Tanzen und seinen zügellosen Ausschweifungen den Kampf an und zog sich über Jahre den Unmut vieler zu. In unentwegter Arbeit führte er seine Gemeinde wieder zu Glauben und zu einem religiösen Leben, zu den Sakramenten und zur Beichte. Bei Tag und Nacht war er als Beichtvater, Prediger und Seelenführer tätig. Persönlich war er bedürfnislos, aber für Gott war ihm nichts gut genug. Seine eigene Soutane trug er ein ganzes Leben, bis sie buchstäblich zerfiel, aber für die Feier der Eucharistie suchte er die schönsten Messgewänder zu bekommen; der Kirche verschaffte er einen neuen Hochaltar und schmückte sie schön aus.

Der Ruf seiner Heiligkeit verbreitete sich; seit 1827 kamen die Menschen von nah und fern, einfache und intellektuelle, bekannte und unbekannte, reiche und arme, und selbst Bischöfe reihten sich geduldig in die Schlange der Wartenden ein. „Pfarrer Vianney brachte jeden Tag nicht weniger als elf bis zwölf Stunden im Beichtstuhl zu.“ Oft wurde er nachts in seinem spärlichen Schlaf von seltsamen Phänomenen geplagt, fürchterlichen Geräuschen und Gebrüll, aber auch tätlichen Angriffen. Er identifizierte sie als satanische Angriffe, und seine Erfahrung zeigte ihm, dass das immer dann geschah, wenn ein großer Sünder auf dem Weg zu ihm war, um sich zu bekehren. „Manche Sünder behandelte er mit unerhörter Milde und wieder andere mit übertrieben (erscheinender) Strenge.“

In sehr vielen Augenzeugenberichten wird deutlich, dass der Hl. Pfarrer die Gabe der Seelenschau besaß. Immer wieder passierte es, dass er aus seinem Beichtstuhl heraustrat und aus der Schlange der Wartenden oder aus dem Kirchenschiff einen Wartenden rief, sofort zu ihm kommen.

Als einmal ein ungläubiger Greis die Kirche betrat „verließ Vianney die Sakristei. … Sein Blick suchte jemanden in der Richtung des Weihwasserbeckens. Dann winkte er.

‚Er ruft Sie‘, sagte man dem verdutzten Ungläubigen.
‚Ganz verlegen schritt er vor‘, erzählte dessen Schwester, der wir diesen Bericht verdankten, ‚wir lachten innerlich, denn es war uns klar, dass ihm der Vogel ins Netz gegangen war.‘
Der Pfarrer schüttelte ihm die Hand: ‚Schon lange her, dass Sie nicht mehr gebeichtet haben?‘
,Mein guter Pfarrer, so etwa dreißig Jahre, denke ich!‘
‚Dreißig, lieber Freund? Besinnen Sie sich genau! Es sind dreiunddreißig. Sie waren damals da und da.‘  ‚Sie haben Recht, Herr Pfarrer.‘
‚Dann beichten Sie heute, nicht wahr?‘

Unser alter Freund gestand uns, dass er sich bei dieser Aufforderung so betroffen fühlte, dass er sich nicht zu weigern getraute. ‚Aber‘, fügte er bei, ‚ich empfand sofort ein unbeschreibliches Wohlbehagen.‘ Die Beichte dauerte zwanzig Minuten und wandelte den Mann völlig um.“

„Die Art und Weise, wie der Pfarrer einen anderen Sünder im Sturm nahm, ist typisch: Um 1840 kam ein gewisser Papa Rochette mit seinem kranken Knaben zum Wundertäter von Ars. Rochette hatte nur eine Sorge: die Heilung seines Knaben. Wohl betrat er einige Male die Kirche, kam aber nie über das Weihwasserbecken hinaus. Dort stand er auch, als der Heilige hinter dem Altar die Beichte hörte, hervortrat und ihn vorkommen hieß. Rochette rührte sich nicht von der Stelle. Seine Frau stand mit dem Knaben weiter vorn an der Kommunionbank. ‚Ist er denn so verstockt ungläubig?‘, fragte Vianney die Mutter. Endlich, auf den dritten Wink hin entschloss sich der Mann vorzugehen. ‚Schließlich wird mich der Pfarrer nicht auffressen,‘ denkt er sich. Sofort verschwinden die beiden hinter dem Altar. Vianney hat keine Zeit zu vertun.

‚Jetzt ist es an uns beiden, Papa Rochette‘, - sagts und deutet auf den Beichtstuhl. – ‚Knien Sie hierher!‘
‚Oh‘, meint der andere, ‚ich habe keine besondere Lust.‘
‚Lasst mal sehen!‘
Diesem unvorhergesehenen Angriff kann Papa Rochette nicht widerstehen; er sinkt in die Knie. ‚Hochwürden‘, stottert er, ‚es ist schon eine geraume Zeit her. … Zehn Jahre …
‚Geben Sie noch etwas drein.‘
‚Zwölf …‘
‚Noch etwas.‘ ‚Ja, seit dem großen Jubiläum von 1826.‘
‚Richtig! Wer sucht, der findet.‘

Und Papa Rochette beichtet wie ein Kind. Anderntags empfing er die heilige Kommunion an der Seite seiner Frau. Und ihr Sohn, fügt der Bericht treuherzig bei, ließ in der Kirche von Ars zwei überflüssig gewordene Krücken zurück.

„Für wie viele Seelen ist nicht auf diese Weise der Pilgergang nach Ars zum Damaskusweg geworden! Nicht dass der Heilige außer seinen Gebeten und Kasteiungen auffallende Mittel zu deren Bekehrung angewandt hätte. Zuerst packte er sie durch seine glutvolle Predigt, dann kam die Zwiesprache von Herz zu Herz im Beichtstuhl; und hier führte er mit wenigen Worten den Schlag, der zugleich niederschmettert und aufrichtet.“ – Wie schön zeigt sich hier, dass das, was in der Beichte geschieht auch dem gleicht, was in Hiob 5, 18 ausgedrückt wird: „Der Herr verwundet und er verbindet, er schlägt, doch seine Hände heilen auch.“

Im November 1824 gründete er eine unentgeltliche Mädchenschule. Hierzu hatte er zwei geeignete „junge unschuldig-fromme Seelen“ aus seiner Pfarrei auf seine Kosten zur Ausbildung als Lehrerinnen zu St. Josephsschwestern geschickt. Die Schule sollte den Schülerinnen nichts kosten und da immer wieder Mittel zur Verfügung standen, die der Pfarrer auftrieb, erhielt sie schon bald den Namen „Providence“, zu deutsch Vorsehung. Bald schon wurde aus der Mädchenschule mit anfangs 16 Schülerinnen auch ein Waisenhaus, da der Hl. Pfarrer mitleidvoll die Not „armer junger Geschöpfe, Mädchen entmenschlichter oder allzu armer Eltern, obdachlose Waisen, die man herumbetteln ließ oder als ganz junge Dienstboten bei glaubenslosen Herrschaften einstellte“ sah. Aus dem ganzen Umland nahm er sie in das Waisenhaus auf, das allein von der Vorsehung lebte. Ab 1830 beherbergte es zu manchen Zeiten 60 und mehr Kinder.

Irgendwann im Laufe des Jahres 1829 war der Getreidespeicher des Waisenhauses ‚La Providence - Vorsehung‘ auf einige Handvoll zusammengeschmolzen. Die Ernte war schlecht ausgefallen und so konnte auch nicht auf Spenden gehofft werden. „Vianney war auf dem Punkt, einige Waisenkinder zu entlassen. Welch ein Weh für sein Herz, das so innig an diesen Kleinen hing!  … Von allen Menschen verlassen wagte der Pfarrer von Ars das Äußerste. Durch die Fürbitte des ‚guten Heiligen‘, der ihn bereits auffällig während seiner Studien erhört hatte, erflehte er jetzt ein Wunder. Er fegte die auf dem Speicherboden zerstreut liegenden Körner auf ein Häuflein zusammen, verbarg darin eine Reliquie des hl. Franz Regis‘, …, legte den Waislein innig ans Herz sich mit ihm zu verbinden und von Gott das tägliche Brot zu erflehen; dann ging er selber ins Gebet und harrte zuversichtlich des Kommenden. ‚Gehen Sie hinauf und fegen Sie auf dem Speicher den Getreiderest zusammen‘, sagte er zu Johanna Maria Chanay, die ihm gerade über den Weg lief. Als Bäckerin der ‚Vorsehung‘ wollte Johanna Maria ihn vielleicht gerade in diesem Moment daran erinnern, dass der Mehlkasten leer sei. Selige Überraschung! Droben lässt sich die Speichertür nur mit Mühe aufdrängen und durch den Spalt rauscht ein Getreidestrom. Johanna Maria läuft zum Pfarrer hinunter. … ‚Ihr Speicher ist voll!‘ ‚Wie? Er ist voll?‘ … Beide stiegen hinauf. Und es fiel ihnen auf, dass dieses Getreide eine andere Färbung hatte als das alte.“

Ein zweites Wunder ereignete sich, als es nur noch Mehl für drei Brote gab und beim Backen das Mehl nicht ausging, so dass zehn große Brote gebacken werden konnten, von denen jedes zwanzig bis zweiundzwanzig Pfund wog. Der Pfarrer von Ars: „Der liebe Gott ist sehr gut! Er sorgt für seine Armen.“

Er, der eine große Ehrfurcht vor dem Priestertum hatte, fühlte sich in seinem Beruf immer wieder auch unsicher und wäre manches Mal gern in einen kontemplativen Orden eingetreten, traf gelegentlich auch Anstalten dazu, aber die Sorge um seine Gemeinde behielt immer die Oberhand. In den letzten Jahren seines Lebens kamen bis zu 100 000 Pilger im Jahr nach Ars. Bis fünf Tage vor seinem Tod predigte er und hörte Beichte. Seinen Tod hatte er vorausgesagt, als er alt und schwach geworden war, aber nicht einmal auf seinem Sterbebett hatte er die Ruhe und Stille, die er sich immer gewünscht hatte. Die Menschen umringten ihn und verlangten seinen Segen.

Er verstarb am 4. August 1859.

Am 18. Januar 1905 wurde er seliggesprochen. Am 31. Mai 1925 sprach Papst Pius XI. ihn heilig und erklärte ihn zum Patron der Priester.

 

Text: Dr. Matthias Geis im August 2025